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8.7.5.6 "Ich kann es doch" Bergsteigen trotz epileptischer Anfälle

Hypertext des Films
"Ich kann es doch"

Der Film wurde von der Redaktion"Bergauf-Bergab" des Bayrischen Rundfunks produziert und am 7.10.1999 gesendet

"Kalkuliertes Risiko" ist von der Firma Hörmann finanziell gefördert.

Kalkuliertes Risiko
Ein Informationsprojekt
des Landesverbandes
Epilepsie Bayern e.V.

Ich kann es doch. Bergsteigen trotz epileptischer Anfällen

Eine Tour
auf die Zufallspitze(Südtirol / Italien) mit Ludwig Stimpfle, Versicherungsmathematiker und Hobbybergsteiger aus München

Ein Film von Michael Pause

Zufallsspitze

Es ist eine gewisse Behauptung. Ja, ich kann es doch. Das hebt das Selbstbewußtsein und insofern hat das Bergsteigen schon einen Wert für mich.

Ludwig Stimpfle

Pause: Ludwig Stimpfle, kurz Wiggerl genannt begibt sich ins Wochenende. Nicht selten kommt es vor, daß er das Büro direkt in Richtung Gebirge verläßt. Dabei ist die Bergsteigerei für ihn ein doppelt kalkuliertes Risiko.

Wiggerl: Beim Bergsteigen habe ich auch Anfälle gehabt. Man stürzt in ein Nichts. Das Bewußtsein ist weg. Hinterher wird mir erst erzählt, wie der Anfall abgelaufen ist. Beim Bergsteigen kommen einem sofort die Gedanken: Habe ich mich gefährdet? Habe ich andere Leute gefährdet? Man macht sich möglicherweise auch noch Vorwürfe.

Beim Bergsteigen mußte ich nie wegen eines Anfalls umkehren. Ich habe niemals einen Grand mal gehabt. Das ist ein ganz großer Anfall mit Zucken und mit Schaum vor dem Mund.

Vater Stimpfle: Ich habe meine Kinder von klein auf ins Gebirge mitgenommen. Als sich die Anfälle beim Wiggi eingestellt haben, haben wir so weitergemacht als wenn nix gewesen wäre. Man verdrängt ja zunächst einmal die Epilepsie.

Pause: Für's Wochenende ist Wiggerl mit Vater, Schwager und Neffen ins Südtiroler Martelltal gefahren. Paradies heißt der Ausgangspunkt im Talschluß, für eine Bergtours ein vielversprechender Auftakt.

Und auch das 3.769 m hohe Gipfelziel hat einen klangvollen Namen, Cevedale.

Wiggerl: Schon mit 6 Jahren war ich zum ersten Mal dabei. Eigentlich mehr oder weniger zwangsläufig mit meinem Vater. Meine Mutter ganz selten...in die Tegernseer Berge, die Chiemgauer Berge, so 1500 m. Mit 10, 12 Jahren sind wir weiter hineingefahren, ins Stubbei, Zillertal. Mit 12 Jahren habe ich meinen ersten 3.000er gemacht. Mit 14 Jahren im Wallis habe ich die ersten 4.000er gemacht. Mit 18 war ich ziemlich jedes Wochenende im Gebirge und habe dann so 50 Gipfel zusammengebracht in etwas habe ich noch ganz groß in Erinnerung. Das war im Wallis das Zinner Rothorn und die Blanche. Das waren für mich die beeindruckendsten Berge. Das ist schon ziemlich ausgesetzt und es geht ganz schön weit rauf.

Meine Traumziele? Als Bergsteiger scheitert man immer wieder. Entweder, daß man selber nicht mehr kann, aber meistens weil das Wetter schlecht wird. Ein Traumziel war der Groß Glockner. Den habe ich, glaube ich, schon dreimal probiert. Ein weiteres Traumziel ist der Ortler. Auch in den Wallisalpen in der Schweiz habe ich noch ein paar Traumziele, das Weißhorn oder sowas...

Noachtar: Im günstigsten Fall treten solche Anfälle ausschließlich nachts aus dem Schlaf heraus auf. Da wäre das Risiko, tagsüber einen Anfall zu bekommen, minimal. Und insofern sind auch die Einschränkungen minimal.

Die verschiedenen Anfallsformen müssen abgewogen werden. Es gibt Anfälle, bei denen man stürzt oder sich am ganzen Körper verkrampft. Solche Anfälle haben natürlich ein höheres Risiko für den Betroffenen, als wenn der Anfall darin besteht, daß man kurz verharrt, für wenige Sekunden stehen bleibt, nicht weitergeht.

Pause: Beim Bergsteigen gibt es u.U. Streßsituationen. Der Laie könnte glauben, das könnte Anfälle hervorrufen.

Noachtar: Es ist ja so, daß in seelischen und körperlichen Anspannungssituationen Anfälle selten auftreten. Es sind eher die Entspannungssituationen, die Ruhephasen, die Phasen der Müdigkeit, bei denen Anfälle häufiger auftreten. Viele Betroffene wissen, daß sie bei sportlichen Aktivitäten eher selten Anfälle kriegen, vielleicht sogar gar keinen.

Pause: Sie empfehlen den Angehörigen grundsätzlich, die Freizeit aktiv zu gestalten?

Noachtar: Epilepsiekranke sollten sich nicht über Gebühr einschränken. Man soll besprechen, was sozusagen die Freude daran ist und unter welchen Umständen sowas herzustellen ist. Ein Epilepsiekranker sollte nicht alleine riskante Klettertouren machen. Am besten ist es, wenn Freunde oder Angehörige dabei sind, die die Anfallsform kennen, damit sie angemessen reagieren können.

Pause: Keine riskante Klettertour sondern eine klassische Hochtour steht Wiggerl und seinen Begleitern am zweiten Tag bevor.

Der Anstieg führt über das Eis des Fürkeleferners und den felsigen Südostgrat der Zufallsspitze. Und am frühen Morgen sieht die Sache noch recht gut aus.

Wiggerl: Begonnen hat meine Epilepsie direkt bei der Geburt, wahrscheinlich schon im Mutterleib. Ich bin ein Zwilling, wo der zweite Partner im Mutterleib schon gestorben ist. Es war eine Problemgeburt, mit Sauerstoffmangel, wo ich ganz blau war und ganz starr, vielleicht schon von einem Anfall. Aber in der Hauner'schen Kinderklinik haben sie mich wieder hochgepäppelt.

Ich war halt dann körperlich zurückgeblieben. Es kamen aber keine Anfälle mehr. Bloß die Kinderärztin hat gesagt: "Ja, da kann schon noch was kommen irgendwann in der Pubertät. Und tatsächlich...

Mit der Epilepsie, mit den Anfällen hat es angefangen, als ich 18 Jahre alt war. Ich wollte das gar nicht wahrhaben. Die Anderen haben mich darauf hingewiesen: "Du warst ja wohl nicht ganz da?"- "Was war mit dir los?"

Ich habe lange gebraucht, bis ich das für mich selbst akzeptiert habe. Für meine Psyche war das nicht so gut.

Man gibt sich ja eigentlich auch ein bißchen die Schuld, obwohl man nichts dafür kann.

Wiggerl: Die Krankheit hat mich massiv eingeschränkt in mehreren Bereichen auch beim Sport. Ich wäre wahrscheinlich in diesem Alter ins Extremklettern eingestiegen. Das habe ich nicht gemacht.

Ich bin praktisch auf dem Level stehengeblieben, auf dem ich war. Man kann ja niemand zumuten, daß man ihn absichert, wenn man in einer Extremsituation ist und hat dann den Anfall.

Sie hatte für die sozialen Kontakte, vor allem zum anderen Geschlecht erhebliche Auswirkungen. Wenn man sagen muß, man hat Epilepsie, spürt man zunächst Ablehnung. Es ist dann viel schwieriger, den Kontakt aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Das macht Mühe.

... Dann hat sie auch beim Studium schon einen Einfluß gehabt. Ich mußte Tabletten nehmen, um die Anfälle abzuwehren, zumindest daß nicht zu viele Anfälle kommen. Aber Tabletten haben natürlich eine gewisse nachteilige Wirkung aufs Gedächtnis- Man ist auch ein bißchen langsamer. Und für's Mathematikstudium ist das vielleicht nicht so gut. Aber es ist doch gegangen...

Wiggerl: Ein gewisses Angstgefühl ist immer da. Jetzt kann der Anfall kommen. Kommt der Anfall? Und dann ist da auch die Angst, zurückgestoßen zu werden. Wie werden die Leute, die dabei sind, reagieren? Ob die damit gut umgehen können? Darum ist es mir auch wichtig, daß alle genau Bescheid wissen über meine Krankheit, damit sie richtig reagieren. Ein gewisse Angst entsteht auch, wenn jemand anderes dabei ist, der das nicht kennt. Ob der dann richtig reagiert, daß der nicht ausrastet oder so...

Pause: Wiggerl, Armin und auch der 16jährige Max verfügen über große alpine Erfahrung und können die Risiken der Bergsteigerei gut beurteilen. So lassen sie sich zunächst nicht irritieren, als sich das Wetter deutlich verschlechtert, obwohl Wiggerl bei schlechter Sicht mit einem besonderen Handicap zu kämpfen hat.

Wiggerl: Ich bin nämlich am Sehzentrum operiert worden. Da ist festgestellt worden, daß sich der Herd der Anfälle - von wo sich die Anfälle über das ganze Gehirn ausbreiten und dadurch sozusagen der Kurzschluß im Hirn entsteht - daß der bei mir im Sehzentrum ist. Vor der Operation wurde mir bereits gesagt, wenn wir da Gewebe entfernen, dann ist auch das Sehfeld weg.

Nicht daß bei mir ein Auge sozusagen blind wäre, sondern ich sehe mit beiden Augen genau die Hälfte. Also ich sehe jetzt nur noch die rechte Hälfte und links ist ganz weg. Und das ist natürlich schon eine Einschränkung. Ich merk's beim Bergsteigen, bei der Orientierung, daß ich da einfach schlechter bin. Ich bin früher auch in einem weglosen Gelände vorausgegangen und habe ausgeschaut, wohin wir gehen. Das mache ich jetzt nicht mehr. Ich lasse lieber meinen Bruder vorgehen, weil er das besser sieht.

Pause: Für Wiggerl ist die Bergsteigerei ein besonderes und wichtiges Stück Lebensqualität. Auch wenn am Gipfel einmal nicht die Sonne scheint.

(Video beim Landesverband Epilepsie Bayern erhältlich)