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8.7.4 Epilepsien - Bestandteil unserer Kultur und Geschichte

8.7.4.1 Die Krankheit der ungezählten Namen - eine kleine Kulturgeschichte der Epilepsien

Vorbemerkungen:

Dieser kurze Überblick über die Kulturgeschichte der Epilepsien bezieht sich im Wesentlichen auf die interessante und spannend zu lesende Veröffentlichung von Hansjörg SCHNEBLE: "Krankheit der ungezählten Namen. Ein Beitrag zur Sozial-, Kultur- und Medizingeschichte der Epilepsie anhand ihrer Benennungen vom Altertum bis zur Gegenwart." Hans Huber Verlag Bern 1987. Die jeweiligen Fundstellen der Informationen werden im folgenden durch Seitenzahlen in Klammern (kursiv) angegeben.

Kaum eine andere Krankheit wurde von Ärzten, von den Betroffenen selbst und vom Volksmund mit so vielen Namen belegt wie die Epilepsie, wahrscheinlich vor allem aus drei Gründen:

  1. Das ursprünglichste Leitbild der Krankheit, der große, generalisierte tonisch-klonische Krampfanfall zeigt sich auch dem Laien als überaus eindrückliches, oft Furcht, Entsetzen, Abwehr und Abscheu hervorrufendes Ereignis.
  2. Die Mannigfaltigkeit epileptischer Anfälle ist so groß, dass sie Fachleute und Laien immer wieder zu neuen Namensgebungen angeregt hat.
  3. Epilepsien sind und waren schon immer tatsächlich eine häufige Krankheit, die bis vor etwa einem Jahrhundert in noch viel augenfälligerer Weise als heute zum Bild der Straße gehörte. Erst die Fortschritte in der medikamentösen Behandlung der Erkrankung führten dazu, dass der Mensch des 20. und 21. Jahrhunderts nur noch in Ausnahmefällen einen Anfall außerhalb eines Krankenhauses oder Heimes erlebt. (S. 1 - 2)

Altertum:

Mesopotamien:

Im ältesten bekannten Schrifttext der Menschheit, dem Gesetzeskodex des babylonischen Königs HAMMURABI (1728 - 1686 v. Chr.), eingehauen in einen Dioritblock, der erst 1902 in Susa entdeckt wurde (heute im Louvre), ist im fünftletzten Paragraphen (§ 278) folgende Bestimmung aufgeführt:

"Wenn jemand einen Sklaven oder eine Sklavin kauft und vor Ablauf eines Monats die bênu-Krankheit sie befällt, soll er sie dem Verkäufer zurückgeben und der Käufer das Silber, das er gezahlt, zurückerhalten." Der Begriff "bênu" bedeutet wohl in etwa "Stürzen" oder "Fallen" und wird oft gleichbedeutend mit dem Wort "antaubbû" verwendet, dem sumerischen Ausdruck für "Fallsucht". Der Beschreibungszusammenhang der Krankheit zeigt, welch wichtige Rolle ihr schon in dieser frühen Hochkultur zugeschrieben wird, indem sie einen eigenen, auf ein häufiges Erscheinungsbild bezogenen Namen erhält und in Gesetzestexten auftaucht. (S. 7 - 9)

Ägypten:

Auf Papyri, die meist in Gräbern als Beigabe gefunden wurden, sowie aus Aufschriften auf Tempelsäulen geht eindeutig hervor, dass die Epilepsie den Ägyptern als Krankheit bekannt war. Offensichtlich haben die ägyptischen Priester-Ärzte ihr auch einen eigenen Namen gegeben: "nśjt" (ausgesprochen: "nesejet"). Die Hieroglyphen-Darstellung findet sich in der folgenden Abbildung:

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Abbildung: Hieroglyphen aus SCHNEBLE (1987), S. 10

An anderer Stelle wird die Epilepsie als Krankheit, die durch die Augen in den Körper eintritt und durch den Nabel wieder herausgeht, beschrieben - möglicherweise ein Hinweis darauf, dass Anfälle häufig zuerst durch Veränderungen im Bereich der Augen beobachtet werden können. (S. 9 - 11)

Alt-Indien:

Auch in der alt-indischen Medizin (Schrift "Caraka-Samhita", 6. Jahrhundert v. Chr.) hat die Anfallskrankheit einen Namen: "Apasmâra", was etwa "Vergesslichkeit" bedeutet, womit sowohl die Bewusstlosigkeit während eines Anfalls als auch die Amnesie für das Anfallsgeschehen gemeint sein kann. Dort wird erstmals eine symptomatische Klassifizierung verschiedener Anfallsarten durchgeführt. Bemerkenswert ist darüber hinaus der bei den Hindus gefürchtete, Epilepsien bringende Krankheitsdämon "Grāhī", dessen Name auch für die Krankheit selbst Verwendung fand. (S. 11 - 12)

Alt-Judentum/Frühchristentum:

Insbesondere die soziale Problematik der Epilepsien fand in den altjüdischen Schriften der Bibel und des Talmud einige Beachtung. Bekannt ist die Beschreibung des Sehers Bileam als "fallend und geöffneten Auges" (Buch Numeri, 24. Kapitel). Der dafür verwendete Begriff "nôphêl" stammt vom hebräischen Verb für "Fallen" und bezeichnet offensichtlich einen "Fallsüchtigen".

Im Neuen Testament wird bei Matthäus (17. Kap., Vers 14 - 18) ein fallsüchtiger Knabe als "mondsüchtig" bezeichnet. Markus beschreibt einen Epilepsiekranken als "besessen vom Geist" (9. Kap., Vers 17 - 29) und Lukas schildert in Kap. 9, Vers 37 - 42 einen Fallsüchtigen: "Siehe, ein Geist packte ihn".

Im nachbiblischen Talmud findet sich die Krankheitsbezeichnung "nikpheh", was "der sich Krümmende" oder auch "der von einem Dämon Gekrümmte oder Bezwungene" bedeutet, der allerdings seine Krankheit durch fehlerhaftes Verhalten selbst verschuldet. (S. 14 - 15)

Deutlich wird bei diesem Überblick, dass Anfallskrankheiten in den verschiedenen Kulturen des Altertums entweder durch die unmittelbare Beschreibung des Anfallsvorganges ("Fallen") oder auf dem Hintergrund eines mystisch-religiösen Ursachenverständnisses ("Besessenheit") beschrieben werden. In ersten Ansätzen gibt es jedoch schon "symptom-orientierte" Beschreibungen, die erahnen lassen, dass diese Krankheiten auch Zeichen eines natürlichen Defektes sein könnten.

Griechische Medizin:

Im klassischen Griechenland setzte sich etwa im 7. und 6. vorchristlichen Jahrhundert eine "naturalistische" Betrachtungsweise der Medizin durch, ein Übergang vom magisch-religiösen hin zum "aufklärerischen" medizinischen Denken. Insbesondere die Schule des bekannten "Vaters der Medizin" HIPPOKRATES aus Kos (ca. 460 - 377 v. Chr.) setzte sich zunehmend gegen die herkömmliche, religiös-mystisch bestimmte Heilkunst durch.

Zuvor findet man Bezeichnungen der Epilepsie als "große Krankheit" oder "heilige Krankheit" ("hiëra nosos") (z.B. bei HERAKLIT und HERODOT), was wohl das Große, Ungewöhnliche, Außerordentliche der Erkrankung charakterisieren sollte, für das der Mensch keine Erklärung finden konnte. Als weitere Erklärung für die Namensgebung "heilig" oder "göttlich" wird darin vermutet, dass das Gehirn als Ursprungsort des Leidens als "heilig und geachtet" betrachtet wird.

Auch HIPPOKRATES überschreibt seine Abhandlung über die Epilepsien mit dem wohl polemisch gemeinten Titel "Über die heilige Krankheit". Darin wendet er sich entschieden dagegen, diese Erkrankung als heiliger oder göttlicher als andere Krankheiten anzusehen. "Sie hat eine natürliche Ursache wie die übrigen Krankheiten, aus der sie entsteht." Nichtsdestotrotz hat sich der Begriff "heilige Krankheit", insbesondere die latinisierte Form "morbus sacer" über die Jahrhunderte hinweg sogar bis in unsere Zeit gehalten. Sicher hat das Unerklärliche und Geheimnisvolle, das die Krankheit im Mittelalter wieder mehr umgab als in der hippokratischen Zeit, wesentlich dazu beigetragen. (S. 17 - 25)

Der Name "Epilepsie"("έπίληψιs") stammt nicht - wie gelegentlich behauptet wird - von HIPPOKRATES. Er bedeutet "Zugriff" und wurde schon in früherer Zeit für die Kennzeichnung eines von Zeit zu Zeit auftretenden "Anfalls" auch anderer Art verwendet. Bei HIPPOKRATES findet er im Sinne von "heftig ergreifen" oder "packen" Anwendung. (S. 25 - 26)

Ein anderer Name ist eng mit der griechischen Mythologie verknüpft: "herakleia nosos" (= "herkulisches Leiden"). Insbesondere unter Verweis auf eine Szene aus EURYPIDES' Drama "Der Wahnsinn des Herakles" wird häufig die Meinung vertreten, Herakles habe an einer Epilepsie gelitten und im Anfall seine Frau und Kinder erschlagen. (S. 28 - 32)

Die Bezeichnungen für Epilepsien im antiken Griechenland verraten insgesamt nur wenig über den epochalen Fortschritt in der medizinischen Sicht- und Denkweise dieser Zeit. Erstmals wird das Gehirn als Ursprungsort epileptischen Geschehens eindeutig lokalisiert und eine symptomatisch-naturalistische tritt an die Stelle der früheren mystisch-religiösen Betrachtung.

Römische Medizin:

Auch wenn das römische Weltreich spätestens gegen Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. die griechische Dominanz ablöste, überlebte die hochentwickelte und angesehene griechische Medizin sogar noch um Jahrhunderte den späteren Untergang römischer Vorherrschaft und Kultur. Bis zu GALEN (131 - 201 n.Chr.) gab es kaum eine eigenständige "römische Medizin", auch im Hinblick auf die Epilepsien.

Der Begriff "epilepsia" wurde buchstabengetreu und mit unveränderter Bedeutung ("ergreifen, festhalten, packen, fangen") übernommen. Auch der Name der "Heiligen Krankheit" fand als "morbus sacer" oder "morbus divinus" ("göttliche Krankheit") Eingang in den römischen Sprachgebrauch. Dazu kamen verschiedene Bezeichnungen, die die Empfindungen von Angst und Ekel wiederspiegeln: "morbus detestabilis" (= "verwünschenswerte Krankheit"), "morbus scelestus" (= "verruchte Krankheit") oder "morbus foedus" (= "garstige Krankheit").

Häufig vermutete man eine Ansteckungsgefahr bei Epilepsie. Die Abscheu, die man damals der vermeintlich infektiösen Krankheit Epilepsie entgegenbrachte, zeigt der Begriff "morbus insputatus": "eine Krankheit, vor der ausgespuckt wird". PLINIUS und seine Zeitgenossen hofften, durch das "Bespucken" einer möglichen Berührung mit dem vermuteten "Ansteckungsstoff" der Epilepsie zu entgehen.

Auch der Nahrungsaufnahme schrieb man einen Einfluss auf die Entstehung epileptischer Anfälle zu: Aal oder Ziegenfleisch, später auch Petersilie galten als anfallsfördernd. Der Begriff "morbus mensalis" weist auf den Zusammenhang zwischen übermäßigem Essen ("mensa" = der Tisch) und Anfallsauslösung hin.

Selbst den Gestirnen schrieb man einen wichtigen Einfluss auf die Epilepsie (und andere Krankheiten) zu. "Morbus lunaticus" (= die "Mondkrankheit") steht für Menschen, die gegen die Mondgöttin gesündigt haben und zur Strafe dafür mit Epilepsie belegt wurden. Auch GALEN konstatierte einen Zusammenhang zwischen dem Verlauf des Anfallsleidens und den Mondphasen.

Die eigentümlichste römische Namensschöpfung für Epilepsien war jedoch "morbus comitialis", die "Volksversammlungskrankheit". Unter Komitien (Comitia) waren "förmliche Versammlungen des ganzen römischen Volkes" zu verstehen, bei denen Gesetze erlassen oder aufgehoben, Wahlen abgehalten wurden oder über Krieg und Frieden entschieden wurde. Bis zum Beginn der Kaiserzeit hatten diese Versammlungen eine große politische Bedeutung, die unter den diktatorisch regierenden Kaisern zunehmend verloren ging.

Diese Komitien mussten vom Versammlungsleiter sofort abgebrochen werden, sobald einer der Sitzungsteilnehmer einen epileptischen Anfall erlitt. Man wertete ein solches Ereignis als "Eingriff von oben", als göttlichen Einspruch; die Versammlung musste nach strengen Reinigungszeremonien neu angesetzt werden.

Die Substantivierung "comitiales" stand für Epilepsien und der Epilepsiekranke wurde im Volksgebrauch als "morbo comitiali confectus" bezeichnet. Die Bezeichnung "Volksversammlungskrankheit" hat sich in der französischen Fach- und Umgangssprache bezeichnenderweise bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gehalten!

Daneben gab es zahlreiche weitere Namen, etwa "divinatio" (= höhere Eingebung, Weissagungskraft), wobei ähnlich wie bei den Priesterinnen des delphischen Orakels, die angeblich des öfteren während ihrer Zeremonien Anfälle erlitten haben sollen, eine besondere göttliche Weissagungsfähigkeit angenommen wurde.

Auch wenn die römische Heilkunde wenig eigenständig Neues zur abendländischen Medizin beitragen konnte, verdanken wir ihr doch einige wesentliche Erkenntnisse bezüglich einer genaueren Beschreibung der unterschiedlichen Erscheinungsbilder von Epilepsien sowie einen bis heute wesentlichen neuen Begriff: die "Aura". Er beschreibt "das Hochziehende", das Emporwandern des epileptischen Geschehens. (S. 33 - 53)

Das Mittelalter:

Mit dem Verfall des römischen Reiches kam es auch zu einem Niedergang von europäischer Kultur, Kunst und Wissenschaft. Die Medizin des HIPPOKRATES und GALEN fand vorerst nur im byzantinischen Reich würdige Nachfolger. Die medizinische Wissenschaft des Mittelalters kehrte wieder unter den Einfluss der Priester ("Mönchsmedizin") zurück, aus deren Händen sie in der Antike mühsam entwunden worden war. Wissenschaftliches Denken geriet in den Hintergrund, zeitweise ganz in Vergessenheit und wurde wieder durch mystisch-religiöse Vorstellungen ersetzt.

Die die mittelalterliche Kultur beherrschende christliche Religion entwickelte ihre eigenen Krankheitstheorien: Krankheit war Strafe für sündiges Verhalten, Folge von Hexerei oder Besessenheit durch den Teufel (Dämon). Daraus entwickelten sich die entsprechenden therapeutischen Maßnahmen: Gebet, Buße, Beistand der Heiligen und Teufelsaustreibungen.

Vor diesem geistig-religiösen Hintergrund war es fast zwangsläufig, dass gerade die Epilepsie im Mittelalter als Paradebeispiel einer Krankheit galt, die durch Besessenheit, durch die Einwirkung böser Geister hervorgerufen oder als Strafe Gottes für fehlerhaftes menschliches Verhalten auferlegt wurde. Dies wird in den überlieferten mittelalterlichen Epilepsie-Begriffen "schedelnde (schüttelnde) Gottesstraf", "gotes slac" oder "morbus daemonicus" deutlich.

Die Anschauung vom Epilepsie verursachenden Dämon führte "therapeutisch" zum Handauflegen, zur Ausführung von Kreuzzeichen über dem Kopf des Kranken, zu ausgestalteten Exorzismen und - bis ins 17. Jahrhundert hinein! - zu Schädelöffnungen, um dem bösen Geist ein "Ausschlupfloch" aus dem Kopf des Patienten zu schaffen. Auch ein Beschimpfen oder Erschrecken des Krankheitsdämons war weit verbreitet. So gab es in Süddeutschland die Sitte, über einen sich windenden Anfallskranken einen ausgehobenen Fensterflügel zu halten, in der Hoffnung, der böse Geist "würde in dem Glas wie in einem Spiegel den schrecklich anzusehenden Kranken erblicken, glauben, dass er es selbst sei und daher Reißaus nehmen."

Große Bedeutung bei der Behandlung schwerer und chronischer Krankheiten im Mittelalter hatten die Heiligen, deren Fürbitten bei Gott man eine große Heilwirkung zumaß. Die ursprünglich bei Jesu liegende Wunder-Heilkraft ging immer mehr auf verschiedene Heilige über, die spezialisiert für bestimmte Erkrankungen zuständig waren. Für zahlreiche Krankheiten, für die keine speziellen Heiligen bekannt waren, stand mit den 14 Nothelfern noch eine Heiler-Gruppe in Reserve.

Bei keiner anderen Krankheit wurden im Mittelalter so viele Schutzpatrone angefleht wie bei der Fallsucht: In KERLERs "Patronate der Heiligen" werden 41 heilige Männer und Frauen für diese Aufgabe aufgeführt. Als bedeutendster Schutzpatron gegen Epilepsie galt (vor allem im deutschen Sprachraum) der heilige Valentin, was sich auch in der Namensgebung niederschlug: "St.-Veltins-Weh", "St.Valentinskrankheit", "St.Veltins-bresten", "St.Valentins Rache" und viele andere. Zu seinen Wallfahrtsorten pilgerten zahllose Kranke, um ihn um seinen Beistand zu bitten: Am berühmtesten waren Rufach im Ober-Elsaß oder Kiedrich im Rheingau, wo bis heute entsprechende Wallfahrten durchgeführt werden.

Ein fränkischer Brauch führte etwa nach Würzburg: Wenn ein Anfallskranker am 14. Februar (Valentinstag) in der dortigen Franziskaner-Kirche eine dort verwahrte Reliquie des heiligen Valentin berührte oder küsst, würde er von seiner Epilepsie geheilt.

Besonders in Frankreich galt der heilige Johannes als mächtiger Fürsprecher bei Epilepsie. Noch heute nennt man die Epilepsie dort "mal de St. Jean" und auch in Deutschland waren Bezeichnung wie "St.-Johannes-Übel"oder "-Rache" bekannt. Auf seinem Patronat beruhen viele "therapeutische" Maßnahmen der Volksmedizin, insbesondere die Verwendung von sogenannten Johannis-Kräutern - verschiedenartige Pflanzen, die am Johannistag oder in der Johannisnacht gepflückt und als Heilmittel gegen die Epilepsie eingesetzt wurden.

Als weitere wichtige Schutzheilige galten der heilige Cornelius, der heilige Vitus (Veit), der heilige Aegidius und der heilige Avertin. Sogar die heiligen drei Könige spielten zeitweise eine wichtige Rolle als Schutzpatrone.

Ähnlich wie den Heiligen wurde im Mittelalter auch gesalbten Herrschern eine besondere Fähigkeit zur Heilung zugewiesen. So wurden dem ungarischen König Ladislaus I. (ca. 1040 - 1095), im 12. Jahrhundert heilig gesprochen, besondere Einflüsse auf die Heilung bei Gelbsucht und Epilepsie nachgesagt und auch in SHAKESPEAREs "Macbeth" wird ein königliches Heilungszeremoniell beschrieben (4. Aufzug, 3. Szene). (S. 54 - 98)

Renaissance:

Nach dem "finsteren" Mittelalter setzte nicht zuletzt für die Medizin Mitte des 15. Jahrhunderts eine Wiedergeburt ein, kulturgeschichtlich bezeichnet als "Renaissance". Besonders das Jahr 1453 erwies sich als folgenreich: Als Folge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken flohen zahlreiche Ärzte und Gelehrte von dort nach Europa und brachten arabisches, besonders aber altgriechisches-römisches Gedankengut mit, so dass es in Lehre und Wissenschaft zu einer Neubelebung des antiken Denkens kam. GALEN und vor allem HIPPOKRATES kamen zu neuen Ehren, allerdings teilweise kritisch hinterfragt.

Gerade auch Krankheiten, die in den vorausgegangenen Jahrhunderten als "unerklärlich" oder als "Heimsuchung Gottes" betrachtet worden waren, wurden zunehmend Objekt rationaler Untersuchung. Trotzdem wurden gerade im 15./16. Jahrhundert als störend empfundene Kranke noch häufig ausgesetzt, zur Schau gestellt und eingesperrt ("Dollkisten", "Narrentürme"). Besonders Patienten mit psychischen Leiden und ihre Angehörigen suchten besonders häufig Zuflucht bei Heiligenreliquien, Teufelsaustreibern und Quacksalbern.

Der "Wendepunkt abendländischer Medizin" in der Zeit des Umbruchs vom überwiegend theologisch-religiös geprägten Mittelalter (Scholastik) zur naturwissenschaftlich orientierten Neuzeit wird am deutlichsten in der Person des Aureolus Philippus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt PARACELSUS (1493 - 1541), "einer der widerspruchsvollsten Gestalten eines widerspruchsvollen Zeitalters". Er versuchte eine "Synthese der sich entsprechenden unteren und oberen Welten", etwa in seiner Theorie über den "Mikrokosmos Mensch", der in "Konkordanz" dem Makrokosmos gegenüber steht. Nach seiner Meinung besteht zwischen den Sternen und dem Menschengeschlecht eine enge Beziehung, denn "jeder von uns hat sein 'alter ego', in einem der unzähligen Sterne, die die Himmelsbahn schmücken." Er beschrieb sehr ausführlich und genau die verschiedenen Stadien von Anfällen und stellte Parallelen zwischen kosmischen Vorgängen und dem Krankheitsgeschehen dar.

Vor dem Hintergrund dieser Theorie verwendete PARACELSUS für die Epilepsie, die er zu den Krankheiten, "die der vernunft berauben", zählte, die Namen "morbus astralis" oder "fallender siechtag". Für ihn war die Epilepsie eine der "Hauptkrankheiten", er sah in ihr ein "Gewitter des Mikrokosmos". In seiner Bezeichnung "Sternenkrankheit" werden antike Krankheitsnamen - wenn auch in anderem Begründungszusammenhang - wieder lebendig. Er erkannte, dass Krankheiten, also auch die Epilepsien, "natürliche" Ursachen hätten: Nicht Geister und Dämonen, weder Gott noch Teufel schicken die Epilepsie; aus der Natur kommt die Krankheit und kommt die Heilung.

Neuschöpfungen an Epilepsie-Namen aus der Zeit zwischen 1500 und 1800 sind nicht bekannt. Meist wurden die genannten römischen Bezeichnungen benützt. In deutschsprachigen Schriften finden sich neben den lateinischen Fachausdrücken insbesondere die Begriffe "Fallende Sucht" (mit Abwandlungen) und "Vergicht" sowie als mittelalterliches Relikt die von Heiligennamen abgeleiteten Benennungen.

Die im Vertrauen auf die alles erkennende Vernunft des Menschen selbst auferlegte Verpflichtung, jegliches Krankheitsgeschehen ursächlich deuten zu müssen und auch zu können, führte im 18. und 19. Jahrhundert zu einer wahren Flut von Epilepsie-Namen, die meist im Zusammenhang mit der vermuteten Ursache und/oder der Lokalisation des Anfallsgeschehens stehen. Trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte wurde die Erkenntnis von HIPPOKRATES und GALEN, dass jedes epileptische Geschehen seinen Sitz im Gehirn hat, wieder teilweise negiert - epileptische Anfälle können nach Meinung vieler Ärzte des 17. bis 19. Jahrhunderts in den Eingeweiden, der Gebärmutter, den peripheren Nerven, den Gliedmaßen, im Herzen oder in der Nase entstehen - und die entsprechenden Namen wurden dazu kreiert.

Gleichzeitig gelangen in dieser Zeit aber auch zunehmend exakte und zutreffende wissenschaftliche Beobachtungen und Erkenntnisse, die bis heute Grundlage der medizinischen Behandlung von Epilepsien sind. So wurden im 18./19. Jahrhundert die Begriffe "Grand mal, Petit mal, Absence, Status epilepticus" u.a. eingeführt bzw. neu definiert. (S. 99 - 126)

(u.r.)