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4.3.4 Wie können Eltern und Fachleute in der Schullaufbahnberatung zusammenarbeiten?

Epilepsiekranke Kinder sind chronisch kranke Kinder mit allen Problemen, die lange Krankenhausaufenthalte und die Sonderstellung in Familie, Kindergarten und Schule mit sich bringen. Sie sind häufig reizoffener und in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung sehr belastet. Ihrem Körper gegenüber haben sie großes Misstrauen, wenig Selbstvertrauen in die eigene Person, oft dazu ein sehr heterogenes Erscheinungsbild der kognitiven Leistungen.

Die eigentliche Schwierigkeit für alle, die dieses Kind pädagogisch begleiten, ist das Erkennen, das Abschätzen und das richtige Bewerten dieser vielfältigen Erscheinungsformen. Nicht selten werden sie als krankheitsbedingt unabänderlich hingenommen oder aber pädagogisch gänzlich falsch beurteilt. Wie bereits dargestellt, schafft dies Unsicherheit bei den Erziehenden und bei den Kindern und führt häufig zu einem unangemessenen Lernangebot.

Epilepsiekranke Kinder und Jugendliche haben insgesamt mehr Lern- und Schulschwierigkeiten trotz normaler Intelligenz in den Standardtests. Dabei darf nie vergessen werden, dass hinter jeder Verhaltensweise und individuellen Anfallserscheinung ein komplexer Zusammenhang unterschiedlichster Phänomene steht. Alle Symptomatiken können in jedem Schweregrad existieren. Alle Faktoren, die grundlegende hirnorganische Erkrankung, die Nebenwirkungen der Medikamente, das soziale Umfeld sowie die individuelle Persönlichkeitsstruktur, sind so eng miteinander verflochten, dass eine Abgrenzung kaum möglich ist und diese auch weit über die Fachlichkeit der normalen Schulberatung hinausgehen würde.

Dringendste Voraussetzungen sind eine umfassende Information und Diagnostik, eine genaue Beobachtung des Lern- und Sozialverhaltens und die intensive Zusammenarbeit von Eltern, Lehrkräften und Ärzten.

Integration als Chance

Prinzipiell gilt, dass jedes Kind seinem individuellen Leistungsvermögen entsprechend die angemessene Schule besuchen sollte, unabhängig von einer vorliegenden Epilepsie.

Gemeinsames Lernen von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen bietet allen Beteiligten vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten. In der gemeinsamen Arbeit und Begegnung mit Menschen mit Handicap lernen sie, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen und damit konstruktiv umzugehen.

Bereits am Beginn einer Schullaufbahn werden erste Weichen für das spätere berufliche Leben gestellt. In vielen Fällen kann die Lehrkraft entscheidend dazu beitragen, dass epilepsiekranke Kinder die gleichen Chancen erhalten wie andere Kinder auch.

Manche Eltern und Lehrkräfte haben große Bedenken oder scheuen den Weg in eine weiterführende Schule aus Angst vor möglicher Überforderung und späterem Leistungsversagen. Dabei berücksichtigen sie zu wenig, dass ein höherer Schulabschluss auch erweiterte berufliche Möglichkeiten erschließt. Fehlende Informationen und Erfahrungen zu Epilepsien wecken bei Lehrkräften, Schulleitern und Schulaufsicht Ängste, wie mit diesen Schülerinnen und Schülern umzugehen ist. Deshalb neigen sie oft dazu, den Eltern der betroffenen Kinder den Besuch einer vermeintlich besser geeigneten Schulart (häufig Förderschulen oder Schulen mit niedrigerem Bildungsabschluss) nahe zu legen.

Förderschule als Chance

Für manche Kinder, insbesondere für die mit sehr heterogenem Leistungsprofil, ist die Wahl der geeigneten Schulart oftmals schwierig. Hier erweist sich das individuelle Angebot der Förderschule sehr häufig als hilfreich, weil es neben der individuellen Förderung insbesondere die Gesamtpersönlichkeit und das Selbstvertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten in den Vordergrund stellt und in der Lage ist, auf individuelle Persönlichkeits- und Lernvoraussetzungen adäquat einzugehen.

In einer Schule zur individuellen Lernförderung können Schüler, ohne permanent hohem Leistungsdruck und Überforderung ausgesetzt zu sein, entsprechend ihrer individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse lernen und Erfolge erzielen. In ähnlicher Weise kann dies für sinnesgeschädigte, körperbehinderte und mehrfach behinderte Kinder gelten. Hier bieten die Förderschulen differenzierte Chancen mit Mitarbeitern, die gerade auch für das Krankheitsbild Epilepsie fachlich qualifiziert sind.

Für wenige epilepsiekranke Kinder wird aufgrund der Schwere der Anfälle die Schule für Körperbehinderte der richtige Lernort sein sowohl aus schulrechtlicher Sicht als auch im Hinblick auf das spezifische Angebot dieser Schulart: Sie unterrichtet nach dem jeweils geeigneten Bezugslehrplan der Schulen für Geistigbehinderte, Lernbehinderte, der Grund- und Hauptschulen. Außerdem hat sie differenzierte Möglichkeiten der beruflichen Eingliederung und häufig enge Formen der Zusammenarbeit mit weiterführenden Schulen entwickelt.

Nicht nachvollziehbar ist es, wenn epilepsiekranken Hauptschülern, Realschülern oder Gymnasiasten verweigert wird, ihre Abschlussprüfungen in der gewohnten Klassenumgebung abzulegen, sondern sich der Prüfungen stattdessen in einer Schule für Körperbehinderte unterziehen müssen.

Es ist sinnvoll, wenn Lehrkräfte zusammen mit Schulberatung und in Absprache mit den Eltern mit den zuständigen Beratungsdiensten der jeweiligen Kliniken und Epilepsieambulanzen in Kontakt treten. In der Regel sind dies die Beratungsdienste eines sozialpädiatrischen Zentrums oder die Schulen für Kranke als erste Ansprechpartner nach einem Klinkaufenthalt.

Noch heute werden viele epilepsiekranke Kinder allerdings nicht in solchen Ambulanzen oder Kliniken behandelt, sondern durch dafür nicht ausreichend qualifizierte Haus- und Kinderärzte. Dort fehlen auch die genannten begleitenden Dienste.