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4.2.3 Soll man das Thema "Epilepsien" im Unterricht mit einem betroffenen Kind oder Jugendlichen behandeln?

Natürlich gestaltet sich die unterrichtliche Behandlung des Themas "Anfallskrankheit" ganz unterschiedlich, je nachdem ob ein "Betroffener" unmittelbar beteiligt ist oder ob Epilepsien eher "objektiv" betrachtet werden. Ist die Epilepsieerkrankung eines Schülers oder einer Schülerin Anlass, so darf das Aufgreifen der Problematik selbstverständlich nur in offener und rücksichtsvoller Zusammenarbeit mit dem Kind oder Jugendlichen selbst und dessen Eltern geschehen.

Der beste Weg zu Verständnis und Toleranz führt über sachliche Information. Dazu bieten sich je nach Situation unterschiedliche Möglichkeiten an. Wo, wann und wie Epilepsien zum Unterrichtsthema gemacht werden, hängt von den jeweiligen Rahmenbedingungen vor Ort ab, insbesondere vom Alter und den Verständnisvoraussetzungen der Schüler sowie von den unterrichtsorganisatorischen Gegebenheiten (z.B. Grund-, Haupt- oder Förderschule mit Klassenlehrerprinzip oder Realschule/Gymnasium mit Fachlehrerunterricht).

EBERT/SCHÖTZ (1999) erinnern an Rollenspiele als Lern- und Übungsfeld zum Abbau von Vorurteilen. Weiterhin bietet sich die Möglichkeit, neben der Information durch die Lehrkraft Ärzte oder Mitglieder von Selbsthilfegruppen zu diesem Thema einzuladen. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von geeigneten Medien, die mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen für den unterrichtlichen Einsatz geeignet sind. Die kommentierte Medien- und Materialienliste im Anhang dieses Akademieberichts hilft bei der Auswahl geeigneter Materialien.

SCHWAGER (1994) und BRANDI (1997) weisen noch auf einen anderen wichtigen Aspekt hin, der bei der unterrichtlichen Behandlung des Themas "Epilepsien" beachtet werden sollte, wenn ein betroffenes Kind beteiligt ist: Häufig brauchen nicht nur die Mitschülerinnen und Mitschüler eine Aufklärung, sondern das anfallskranke Kind selbst. Es erlebt seine Anfälle oftmals nur in der Reaktion von Menschen, die seinen Anfall miterleben. Durch die Angst, Sorge und das Erschrecken der Umstehenden wird es verunsichert; deshalb ist es notwendig, dem Kind selbst mit Hilfe geeigneten Anschauungsmaterials seine Krankheit zu erklären. Dies sollte jedoch nur in enger Absprache mit den Eltern und ggf. anderen Fachleuten, die mit dem Kind zusammenarbeiten, geschehen.

Auch die Frage, inwieweit das anfallskranke Kind selbst in die Unterrichtsgestaltung zum Thema "Epilepsien" einbezogen werden soll und kann, muss die Lehrkraft individuell vor Ort nach vorsichtigem Abwägen der Möglichkeiten und Grenzen des Kindes und nach Rücksprache mit den Eltern und dem Kind selbst treffen. Wichtig ist dabei auch, während des Unterrichtsgespräches die Reaktionen des betroffenen Kindes und der Mitschüler genau zu beobachten und auf mögliche Problemsituationen einfühlsam und verantwortungsvoll zu reagieren.

Das Zusammenleben der Kinder mit einem epilepsiekranken Mitschüler innerhalb der Klassengemeinschaft kann auf diese Weise zu einer wertvollen Erfahrung für alle werden, indem Verständnis, Toleranz und Rücksichtnahme erfahren und geübt werden. Soziales Lernen wird hier zur täglichen Aufgabe.